Round Table Top Low Speed Spire, Kunstraum Ortloff, Leipzig, 2021





Den für die Werke in der Ausstellung zentralen Techniken, Drechseln und Holzschnitt, haftet noch immer die Aura des Kunsthandwerklichen an: Möbel, Gebrauchsgegenstände und Dekoartikel werden so gefertigt. Doch auch in der zeitgenössischen Skulptur gibt es, neben der großen Welle der Post-Internet Art, seit geraumer Zeit eine Renaissance des Handwerklichen, wobei die Produktion der Objekte allerdings oft nicht von den Künstlern selbst ausgeführt, sondern als Auftrag vergeben wird.
Herz arbeitet seit vielen Jahren mit vorwiegend im Stadtraum gefundenen Materialien und Strukturen, die er sich aneignet und weiter bearbeitet. Die Skulptur Lower Trade Good Triage von 2015 beispielsweise ist ein Turm aus Holztischen, Tischplatten und Möbelfüßen. In der Ausstellung werden zwar die gleichen Materialien verwendet, doch sie sind nun stärker überformt.
Die runden Tischplatten werden an den Galeriewänden zu großen Holzreliefs, deren abstrakte Motive (so wie sie selbst) aus dem öffentlichen Raum stammen: es sind Reste von Plakatleim, die überall auf Schaufenstern und Werbeflächen zu finden sind. Jene Spuren, die Zweckmäßigkeit der Geste und Zufall des Materialverhaltens in sich vereinen, werden vom Künstler dann minutiös im Holzschnittverfahren auf den Tischoberflächen reproduziert. Wie in riesigen Laborschalen unterm Mikroskop erscheinen diese vermeintlich organischen Strukturen und eröffnen einen immersiven Zugang in eine abstrakte Bildwelt, in der man unwillkürlich wieder nach Gegenständlichem sucht. Mit dem Offenlegen der Schichten des Materials wird die Illusion der perfekten, glatten Möbeloberfläche aufgelöst, der Blick springt ständig zwischen dem Objekthaften und dem „informellen“ Bild.
Das Material der hölzernen Stelen im Raum lässt sich noch eindeutig als objets trouvés identifizieren: die schlanken Skulpturen sind aus gefundenen Möbelbeinen, Kerzenständern, Traillen (Geländerstäben) aufgebaut, doch Herz ergänzt diese um eigene Volumen, bis er zu einer für ihn schlüssigen Form kommt. Die von Gebrauchsspuren gezeichneten Fragmente der Stelen gehen, nach einem langen Prozess des Ausprobierens möglicher Kombinationen, nahtlos über in die hinzugefügten „frisch gedrehten“, gesägten, geschnitzten Elemente. Das Durcharbeiten des Materials, das allmähliche Anpassen und Einfühlen in die Form, ist dabei essentiell für den Künstler. Formal Brancusis unendlicher Säule verwandt, sind diese Arbeiten doch eher deren ruppige Urenkel, die ihre Street Credibility auch im Galerieraum nicht einbüßen.
Das Foto eines sogenannten Hexenrings, einer kreisförmigen Anordnung von Pilzgeflecht, erweitert die Ausstellung auf das Billboard an der Fassade der Galerie. Die Abbildung aus einem mykologischen Fachbuch, die Darstellung eines biologischen Phänomens, ist durch mehrere Schritte der Aneignung (Fotografie - Druckverfahren in der Publikation - Scan durch den Künstler und extreme Vergrößerung im Plakatdruck) gegangen. Hier schließt sich der Kreis zu den scheinbar der Natur entstammenden Motiven der Plakatkleimreste.
Text Bettina Klein






