Monolith–l'homme dans l'espace, Uferhallen Berlin, 2013





Der gedrängte Mensch
War ein Mensch je ohne Anfang? War ein Mensch je ohne Ende? Der Mensch ist, was er ist, dem einen abgerungen und dem anderen übergeben. Er ist nie wirklich ganz hier oder dort, sondern in ständig bewegter und selbst - bewegender Weise unterwegs in ein Hinaus. Denn Anfang und Ende sind nicht selbst Orte an denen ein Mensch sich jemals aufhalten könnte. Alles, das da einem Anfang entspringt hat sich bereits seinem Ende zugewandt. Im Anfang begrüßt den Menschen als erstes das Ende. Ein Mensch hat immer angefangen so zu sein wie er schon nicht mehr ist und jemals wieder sein wird. Ohne Anfang und Ende gäbe es den Menschen nicht. Im Anfang steht das Ende, zwei Worte für ein und das Selbe. Was ist dieses Selbe? Das Selbe ist das verborgene Antlitz dessen, was den Menschen in sich hält, ihn mit Anfang und Ende beschenkt und ihn darin behütet und bewegt. Es ist Sie, die den Wandel will und fordert. In sich, gehalten und geschützt, drängt Sie den Menschen zum Ende hin – in ein Hinaus. Und dies von Anfang an. Sein Währen in Ihr ist nach Außen gewandte Bewegung, in Richtung eines da längst vergangen und gewesen sein werdenden. Dahinaus, wo aus der gelebten Geborgenheit Ihrer Begrenzungen eine Erinnerung geworden ist, vielleicht – der Rückschau entliehen – zu aller erst Geborgenheit wird. Ein im Nirgendwo gesprochenes und Unausgesprochenes. Ein solches, das, wenn Worte Verständlichkeit schaffen, nicht der Artikulation durch ein Wort bedarf, da es dem Menschen im Augenblick seiner Gegenwart das Verständlichste schlechthin ist. Aus Ihr spricht das Nicht der seienden Dinge und innerhalb Ihrer Begrenzungen hält Sie Ihren Tribut zurück. Das Opfer, das Sie fordert, ist nicht weniger als das Viele und Einzelne, das den Menschen umgibt, er selbst geworden ist, aber immer schon Ihr gehörte und Ihr Leib ist. Dem Ende entgegen, gedrängt ins Hinaus, verlangt Sie es zurück: „Gib Mir dein Einzelnes, gib Mir dein Vieles! Ich bin dein Einzelnes und Vieles und du wirst gehen und Mich bei Mir lassen!“Ding um Ding schwindet dort, wo Sie um sich greift. Der gedrängte Mensch gibt Ihr sein Einzelnes und Vieles. Er gibt Ihr sein Nicht. Es gehört Ihr und er muss es zurücklassen. Der gedrängte Mensch hat kein Nicht mehr. In Ihr war er Sie und nicht Sie. Zwischen Anfang und Ende. Aus Ihr wird nun Vergangenes, ganz und gar Nichts. Der ins Hinaus gedrängte Mensch steht im Hinaus. Kein Einzelnes, kein Vieles blieb ihm. Alles behielt Sie zurück und alles hat er Ihr gegeben. Und doch steht der gedrängte Mensch dort, wo er nun steht. Er ent – steht. Was ist er? Er ist nichts nicht. Das Nicht behielt Sie. Sie behielt Anfang und Ende ebenso. Der ins Hinaus gedrängte Mensch hat keinen Anfang und kein Ende. Weder ist er, noch ist er nicht. Er ist der Begrenzung die er selbst war und Sie ihm darreichte entstiegen und zum denkbar freiesten geworden. Er gab Ihr seine Freiheit. Er, der nun nicht mehr frei oder unfrei ist. Er, der nicht unbegrenzt aber auch nicht mehr begrenzt ist. Er ist überhaupt nicht mehr das, was man nicht sein kann und sein kann. Alles was Sie, das Nichts, ihm schenkte und zurückforderte. Ohne Anfang und Ende. Er ist weder noch. Der ins Hinaus gedrängte Mensch hat sich aller Möglichkeiten entledigt. Freiheit ist die vollständige Aufhebung des Aufhebbaren und der Aufhebung selbst. Freiheit ist die Aufhebung der Freiheit. Freiheit heißt sein Nicht zurückgegeben zu haben. Freiheit ist Tod und Geburt in Einem. Dem gedrängten Menschen wird Freiheit gegeben, wenn er bereit ist zu sterben. Aber wenn Ihr der ins Hinaus gedrängte Mensch sein Opfer versagt und das Einzelne und Viele, das Nicht, all das Ihre zurückhält, so ent - steht er als der gedrängte Mensch, der er ist und nie gewesen ward. Er hat das Nicht mitgenommen. Er hat Sie mitgenommen. Er ist Einzelnes und Vieles, zwischen Anfang und Ende. Aber dort, wo kein Nicht ist, wo Sie nicht ist, gibt es weder Anfang noch Ende, weder Einzelnes noch Vieles. Der ins Hinaus gedrängte Mensch hat Sie aus sich selbst heraus gerissen, Sie um Ihre eigene Mitte gebracht. Er nahm mit, was nicht mitgenommen werden kann. Nicht als das, was er in Ihr war und was keiner Erinnerung und keines Wortes bedurfte, sondern als das, was er dort, wo Sie nicht ist, wurde. Das, was ihn als Augenblick an Sie bindet. Ihn noch zu Ihrem macht und im Ihrigen hält. Der gedrängte Mensch steht als Nichts im Hinaus. Und als Nichts, als Teil von Ihr, wird er in den Schutz von Anfang und Ende zurückkehren. Er kann Sie noch nicht verlassen. Er kann Ihr sein Nicht nicht geben, er muss gedrängt sein, muss nicht – sein können und muss können. In Ihr. Sie, die nicht gesagt werden kann, weil Sie allem Sagen erst die Stimme gibt und Ihm Zeit gibt. Sie gibt ihm sich selbst, denn Sie ist Zeit und Zeit ist was Sie fordern wird. Auf dass der ins Hinaus gedrängte Mensch einst gelernt haben wird, dass er nie mehr war als Sie selbst und alles werden kann was Sie nicht ist! Auf dass der ins Hinaus gedrängte Mensch einst gelernt haben wird, dass er nie mehr war als ein sagendes Wort, aussagend, das Unsagbare Nichts. Nur wie kann im Worte, das er ist, das Unsagbare zu Sprache kommen, wenn alles Sagen Ihr gehört? - Indem die Worte sich vom Nichts trennen. Indem die Sprache sich vom Nichts trennt. Indem Sprache aufhört zu sein und nicht zu sein. Indem aus Sprache Gesang wird, der das Unsagbare besingt. Und so besang der gedrängte Mensch, der in längst vergangener Zeit weder ist noch je nicht gewesen ward, die Schönheit Ihrer Gabe, die Sie selbst ist – Nichts.
Text H.S.

Monolith–l'homme dans l'espace, Uferhallen Berlin, 2013





Der gedrängte Mensch
War ein Mensch je ohne Anfang? War ein Mensch je ohne Ende? Der Mensch ist, was er ist, dem einen abgerungen und dem anderen übergeben. Er ist nie wirklich ganz hier oder dort, sondern in ständig bewegter und selbst - bewegender Weise unterwegs in ein Hinaus. Denn Anfang und Ende sind nicht selbst Orte an denen ein Mensch sich jemals aufhalten könnte. Alles, das da einem Anfang entspringt hat sich bereits seinem Ende zugewandt. Im Anfang begrüßt den Menschen als erstes das Ende. Ein Mensch hat immer angefangen so zu sein wie er schon nicht mehr ist und jemals wieder sein wird. Ohne Anfang und Ende gäbe es den Menschen nicht. Im Anfang steht das Ende, zwei Worte für ein und das Selbe. Was ist dieses Selbe? Das Selbe ist das verborgene Antlitz dessen, was den Menschen in sich hält, ihn mit Anfang und Ende beschenkt und ihn darin behütet und bewegt. Es ist Sie, die den Wandel will und fordert. In sich, gehalten und geschützt, drängt Sie den Menschen zum Ende hin – in ein Hinaus. Und dies von Anfang an. Sein Währen in Ihr ist nach Außen gewandte Bewegung, in Richtung eines da längst vergangen und gewesen sein werdenden. Dahinaus, wo aus der gelebten Geborgenheit Ihrer Begrenzungen eine Erinnerung geworden ist, vielleicht – der Rückschau entliehen – zu aller erst Geborgenheit wird. Ein im Nirgendwo gesprochenes und Unausgesprochenes. Ein solches, das, wenn Worte Verständlichkeit schaffen, nicht der Artikulation durch ein Wort bedarf, da es dem Menschen im Augenblick seiner Gegenwart das Verständlichste schlechthin ist. Aus Ihr spricht das Nicht der seienden Dinge und innerhalb Ihrer Begrenzungen hält Sie Ihren Tribut zurück. Das Opfer, das Sie fordert, ist nicht weniger als das Viele und Einzelne, das den Menschen umgibt, er selbst geworden ist, aber immer schon Ihr gehörte und Ihr Leib ist. Dem Ende entgegen, gedrängt ins Hinaus, verlangt Sie es zurück: „Gib Mir dein Einzelnes, gib Mir dein Vieles! Ich bin dein Einzelnes und Vieles und du wirst gehen und Mich bei Mir lassen!“Ding um Ding schwindet dort, wo Sie um sich greift. Der gedrängte Mensch gibt Ihr sein Einzelnes und Vieles. Er gibt Ihr sein Nicht. Es gehört Ihr und er muss es zurücklassen. Der gedrängte Mensch hat kein Nicht mehr. In Ihr war er Sie und nicht Sie. Zwischen Anfang und Ende. Aus Ihr wird nun Vergangenes, ganz und gar Nichts. Der ins Hinaus gedrängte Mensch steht im Hinaus. Kein Einzelnes, kein Vieles blieb ihm. Alles behielt Sie zurück und alles hat er Ihr gegeben. Und doch steht der gedrängte Mensch dort, wo er nun steht. Er ent – steht. Was ist er? Er ist nichts nicht. Das Nicht behielt Sie. Sie behielt Anfang und Ende ebenso. Der ins Hinaus gedrängte Mensch hat keinen Anfang und kein Ende. Weder ist er, noch ist er nicht. Er ist der Begrenzung die er selbst war und Sie ihm darreichte entstiegen und zum denkbar freiesten geworden. Er gab Ihr seine Freiheit. Er, der nun nicht mehr frei oder unfrei ist. Er, der nicht unbegrenzt aber auch nicht mehr begrenzt ist. Er ist überhaupt nicht mehr das, was man nicht sein kann und sein kann. Alles was Sie, das Nichts, ihm schenkte und zurückforderte. Ohne Anfang und Ende. Er ist weder noch. Der ins Hinaus gedrängte Mensch hat sich aller Möglichkeiten entledigt. Freiheit ist die vollständige Aufhebung des Aufhebbaren und der Aufhebung selbst. Freiheit ist die Aufhebung der Freiheit. Freiheit heißt sein Nicht zurückgegeben zu haben. Freiheit ist Tod und Geburt in Einem. Dem gedrängten Menschen wird Freiheit gegeben, wenn er bereit ist zu sterben. Aber wenn Ihr der ins Hinaus gedrängte Mensch sein Opfer versagt und das Einzelne und Viele, das Nicht, all das Ihre zurückhält, so ent - steht er als der gedrängte Mensch, der er ist und nie gewesen ward. Er hat das Nicht mitgenommen. Er hat Sie mitgenommen. Er ist Einzelnes und Vieles, zwischen Anfang und Ende. Aber dort, wo kein Nicht ist, wo Sie nicht ist, gibt es weder Anfang noch Ende, weder Einzelnes noch Vieles. Der ins Hinaus gedrängte Mensch hat Sie aus sich selbst heraus gerissen, Sie um Ihre eigene Mitte gebracht. Er nahm mit, was nicht mitgenommen werden kann. Nicht als das, was er in Ihr war und was keiner Erinnerung und keines Wortes bedurfte, sondern als das, was er dort, wo Sie nicht ist, wurde. Das, was ihn als Augenblick an Sie bindet. Ihn noch zu Ihrem macht und im Ihrigen hält. Der gedrängte Mensch steht als Nichts im Hinaus. Und als Nichts, als Teil von Ihr, wird er in den Schutz von Anfang und Ende zurückkehren. Er kann Sie noch nicht verlassen. Er kann Ihr sein Nicht nicht geben, er muss gedrängt sein, muss nicht – sein können und muss können. In Ihr. Sie, die nicht gesagt werden kann, weil Sie allem Sagen erst die Stimme gibt und Ihm Zeit gibt. Sie gibt ihm sich selbst, denn Sie ist Zeit und Zeit ist was Sie fordern wird. Auf dass der ins Hinaus gedrängte Mensch einst gelernt haben wird, dass er nie mehr war als Sie selbst und alles werden kann was Sie nicht ist! Auf dass der ins Hinaus gedrängte Mensch einst gelernt haben wird, dass er nie mehr war als ein sagendes Wort, aussagend, das Unsagbare Nichts. Nur wie kann im Worte, das er ist, das Unsagbare zu Sprache kommen, wenn alles Sagen Ihr gehört? - Indem die Worte sich vom Nichts trennen. Indem die Sprache sich vom Nichts trennt. Indem Sprache aufhört zu sein und nicht zu sein. Indem aus Sprache Gesang wird, der das Unsagbare besingt. Und so besang der gedrängte Mensch, der in längst vergangener Zeit weder ist noch je nicht gewesen ward, die Schönheit Ihrer Gabe, die Sie selbst ist – Nichts.
Text H.S.
